Zukunftsangst und Unsicherheit: Wie wir unseren Weg finden, wenn niemand mehr weiß, was kommt

Zukunftsangst und Unsicherheit: Wie wir unseren Weg finden, wenn niemand mehr weiß, was kommt

Ich kann mich an keine Zeit in meinem Erwachsenenleben erinnern, in der ich so wenig Vorstellung davon hatte, wie unsere Welt in fünf oder zehn Jahren aussehen wird.

Natürlich gab es in der Geschichte der Menschheit und auch seit ich auf der Welt bin immer Krisen. Es gab (kalte) Kriege, Wirtschaftskrisen, heftige politische Umbrüche und Phasen, in denen Menschen nicht wussten, was als Nächstes passieren würde. Die gab es zu allen Zeiten.

Und trotzdem fühlt sich etwas für mich heute anders an.

Warum sich unsere Zukunft so schwer vorhersehen lässt

Da ist die Entwicklung der künstlichen Intelligenz, von der niemand wirklich sagen kann, wo sie uns hinführt. Welche Berufe wird es in zehn Jahren noch geben? Welche Arbeiten wird KI übernehmen? Wie werden wir in Zukunft lernen, kommunizieren und unser Geld verdienen?

Gleichzeitig erleben wir große geopolitische Verschiebungen und neue, bisher kaum vorstellbare Kriegsszenarien. Wirtschaftliche Machtverhältnisse und Abhängigkeiten werden völlig neu sortiert. Energieversorgung, Öl- und Gaspreise können durch politische Entwicklungen beeinflusst werden, die wir heute überhaupt nicht vorhersehen können (oder hatte jemand bis vor einem Jahr die Straße von Hormus auf dem Zettel?).

All diese Veränderungen und Entwicklungen finden nicht nacheinander statt, sondern gleichzeitig. Kein Wunder, dass Zukunftsangst für viele Menschen inzwischen ein großes Thema geworden ist.

Ich weiß nicht, wie unser Leben 2030 oder 2035 aussehen wird. Und ich erlebe, dass dieses Nichtwissen sehr viele Menschen enorm herausfordert.

Als Menschen mögen wir Gewissheit. Wir wollen wissen, worauf wir uns verlassen können. Wir wollen Pläne machen. Wir wollen heute eine Entscheidung treffen und möglichst vorher wissen, ob sie sich als richtig herausstellt.

Doch diese Sicherheit gibt es nicht. Und es gab sie auch bisher nicht. Vielleicht konnten wir die Unsicherheit unseres Lebens nur sehr viel leichter ausblenden als heute.

Und während ich über all das nachgedacht habe, ist mir noch etwas aufgefallen: Als Selbstständige „trainiere“ ich für die aktuelle Zeit schon seit mehr als 30 Jahren.

Was mich mehr als 30 Jahre Selbstständigkeit über Unsicherheit gelehrt haben

Seit ich selbstständig bin, gehört Unsicherheit als Preis von Freiheit unverrückbar zu meinem Leben.

Natürlich gab es Zeiten, in denen mein Unternehmen sehr gut lief und ich abschätzen konnte, wie hoch mein Umsatz in den kommenden Monaten sein würde. Aber es gab lange Zeiten zu Beginn meiner Selbstständigkeit, als ich ein paar Tage vorher noch nicht wusste, wie ich als Alleinerziehende die nächste Miete zahlen sollte.

Grundsätzlich wusste ich nie, was in einem halben Jahr sein würde, und das ist zum Teil auch heute noch so. Das macht es herausfordernd und spannend zugleich. 😇

Ich habe immer wieder neue Angebote entwickelt, Mitarbeitende eingestellt und große unternehmerische Entscheidungen getroffen, ohne vorher zu wissen, ob sie sich auszahlen würden.

Manches davon ist sehr gut gegangen.

Manches überhaupt nicht. Ich habe auch teure Fehler gemacht.

Und natürlich gab es Situationen, in denen mich diese Unsicherheit belastet hat. Auch heute tut sie das manchmal noch. Ich bin nicht irgendwann morgens aufgewacht und hatte plötzlich keine Angst mehr vor finanziellen und unternehmerischen Risiken. 🥴

👉 Ich habe dadurch nicht gelernt, immer die richtige Entscheidung zu treffen. Ich habe über die Jahre gelernt, Entscheidungen zu treffen, obwohl ich nicht wissen konnte, ob sie richtig sind.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich mich für die Zeit, in der wir gerade leben, trotz aller Unsicherheit gut gerüstet und vorbereitet fühle.

Ich weiß zwar nicht, was kommt. Aber ich bin gewohnt, es nicht zu wissen.

Vielleicht brauchen wir diese Fähigkeit jetzt alle

Ich schätze, dass wir in den kommenden Jahren etwas brauchen werden, was Selbstständige zwangsläufig lernen mussten:

Mit Unsicherheit leben und trotzdem handlungsfähig bleiben.

Das bedeutet nicht, alle Risiken auszublenden. Es bedeutet auch nicht, sich einzureden, dass schon alles irgendwie gutgehen wird.

Wenn sich Rahmenbedingungen verändern, müssen wir uns damit beschäftigen und genau hinschauen. Wenn eine wirtschaftliche Entwicklung Auswirkungen auf unser Leben haben kann, nehmen wir das sinnvollerweise ernst. Wenn KI ein Berufsbild früher oder später verändern könnte, ist es wenig sinnvoll, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass es nicht passiert. 

Aber zwischen „Ich nehme wahr, was vermutlich passiert“ und „Ich muss heute genau wissen, wie mein Leben in zehn Jahren aussieht“ liegt ein gewaltiger Unterschied.

Vielleicht müssen wir uns wieder stärker daran gewöhnen, unseren Weg zu gehen, auch wenn wir nur einen Teil davon sehen können. Denn das war schon immer so. Es war auch bisher wenig sicher. Es hat sich nur sicherer angefühlt. 

Warum mehr Wissen nicht automatisch mehr Sicherheit schafft

Wir hatten noch nie so leicht Zugriff auf Informationen wie heute. Durch KI lassen sich zusätzlich leichter Verbindungen herstellen und Informationen bündeln (und ein Ende dieser Möglichkeiten ist noch lange nicht in Sicht).  

Ich kann eine KI fragen, wie sich mein Berufsbild möglicherweise verändern wird. Ich kann wirtschaftliche Entwicklungen analysieren und Wahrscheinlichkeiten vergleichen lassen. 

Wir haben zwar immer mehr Informationen, aber wir bekommen trotzdem keine Gewissheit (mehr).

Denn auch die beste KI kann mir nicht garantieren, welche meiner heutigen Entscheidungen sich in fünf oder zehn Jahren als richtig herausstellen wird.

Sie kann mir helfen, Informationen zusammenzutragen, Zusammenhänge zu erkennen und Zukunftsszenarien zu entwickeln.

Aber sie kann mein Leben nicht für mich leben.

Am Ende muss ich mich selbst entscheiden.

  • Was gehört noch zu mir und was nicht mehr?
  • Bleibe ich oder gehe ich?
  • Baue ich etwas Neues auf? 
  • Investiere ich jetzt oder warte ich noch?

Und wenn ich vor einer Entscheidung ein mulmiges Gefühl habe, weist mich das gerade tatsächlich auf eine Gefahr hin? Oder hat meine Befürchtung oder Angst vielmehr mit einer Erfahrung zu tun, die ich früher in meinem Leben gemacht habe?

An diesem Punkt hilft mir irgendwann auch die hundertste Information oder KI nicht weiter.

👉 Ich muss mich selbst wirklich gut kennen.

Äußere Sicherheit ist nicht dasselbe wie innere Sicherheit

Vielleicht ist das eine der größten Herausforderungen in der aktuellen Zeit.

Wir haben uns daran gewöhnt, innere Sicherheit dadurch herzustellen, dass wir äußere Unsicherheit beseitigen.

Wir wollen genug Geld haben.

Einen sicheren Beruf.

Einen funktionierenden Plan.

Die richtige Entscheidung treffen.

Wir versuchen, möglichst viele Eventualitäten vorherzusehen, damit wir uns anschließend sicher fühlen können.

Nur funktioniert das immer weniger.

Ich kann heute nicht wissen, welche Auswirkungen KI in zehn Jahren auf mein Leben haben wird. Ich kann nicht wissen, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt. Ich kann nicht wissen, welche politischen Krisen entstehen oder gelöst werden.

Und selbstverständlich weiß ich auch nicht, was in meinem persönlichen Leben passieren wird.

Vielleicht besteht unsere Aufgabe deshalb gar nicht darin, wieder eine Welt herzustellen, in der wir uns vollkommen sicher fühlen (wenn es die je gegeben hat).

Womöglich dürfen wir alle gerade lernen, uns auch dann sicher genug zu fühlen, wenn wir nicht wissen, was kommt.

Das könnte die Art von Sicherheit sein, die wir jetzt brauchen. Das Vertrauen in die Fähigkeit, mit einer unsicheren Zukunft umzugehen.

Was gibt uns Halt, wenn wir nicht wissen, was kommt?

Für mich beginnt es damit, unterscheiden zu können: Was geschieht gerade wirklich? Und was geschieht aufgrund dessen, was ich erlebe, zusätzlich in mir?

Denn es gibt äußere Ereignisse, über die wir uns einigermaßen einig sein können. Und gleichzeitig erleben zwei Menschen ein und dieselbe Situation in Wahrnehmung und Gefühl völlig unterschiedlich.  

Eine aktuelle Situation kann eine alte Erfahrung berühren. Eine wirtschaftliche Unsicherheit kann beispielsweise nicht nur die durchaus berechtigte Frage auslösen, wie ich in Zukunft finanziell zurechtkomme. Sie kann gleichzeitig Erfahrungen von Kontrollverlust, Existenzangst oder Ohnmacht aus meiner eigenen Lebensgeschichte aktivieren.

Und in dem Moment reagiere ich nicht mehr nur auf das, was jetzt gerade ist, sondern auch auf etwas, das viel älter ist.

Wenn ich das unterscheiden kann, verschwindet die äußere Unsicherheit nicht. Aber ich bekomme wieder mehr Handlungsspielraum. Genau deshalb ist es so wichtig, die eigene Geschichte zu kennen.

Und dann brauche ich noch etwas, das in einer Welt voller Daten jeden Tag wichtiger wird: Die Fähigkeit, meine eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen.

Nicht jede Entscheidung lässt sich so lange analysieren, bis nur noch eine richtige Möglichkeit übrig bleibt. Irgendwann habe ich genügend Informationen gesammelt.

Dann muss ich entscheiden.

Und manchmal weiß ich eben erst Jahre später, ob diese Entscheidung richtig war.

Ich weiß auch nicht, was kommt

Natürlich beschäftigt mich die aktuelle Entwicklung selbst.

Ich weiß nicht, wie künstliche Intelligenz meine eigene Arbeit in fünf oder zehn Jahren verändern wird.

Ich weiß nicht, wie sich die wirtschaftliche Situation entwickelt.

Und ich weiß auch nicht genau, wie mein eigenes Unternehmen in fünf Jahren aussehen wird.

Das fordert auch mich heraus.

Aber während ich in den letzten Monaten sehr intensiv darüber nachgedacht habe, wie meine nächsten Berufsjahre aussehen sollen, ist mir etwas klar geworden:

Ich brauche heute noch nicht auf all diese Fragen eine Antwort. Es genügt, zu erkennen, was als Nächstes dran ist.

Das bedeutet nicht, planlos durch die Gegend zu laufen. Ich werde weiterhin Entscheidungen treffen und Pläne machen. Ich liebe Pläne. 😊

Aber ich muss heute nicht schon wissen, ob die Entscheidungen, die ich jetzt treffe, und die Pläne, die ich jetzt mache, auch in fünf Jahren noch passen.

Warum innere Sicherheit immer wichtiger wird

Seit vielen Jahren begleite ich Menschen dabei, sich selbst besser zu verstehen. Die eigene Lebensgeschichte und die roten Fäden darin zu erkennen. Alte Muster von dem zu unterscheiden, was heute tatsächlich geschieht. Die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und so frei wie möglich Entscheidungen zu treffen.

Diese Fähigkeiten brauchen wir in den kommenden Jahren noch dringender als bisher.

Denn je weniger Orientierung uns die äußere Welt geben kann, desto wichtiger wird es, Orientierung in uns selbst zu finden.

Nicht um uns vor einer unsicheren Welt zu schützen.

Sondern um unseren eigenen, freien Weg in ihr gehen zu können, ohne zu wissen, was kommt.  

Alles Liebe

Angelika Gulder

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